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EggoMusic *~* Moritz Eggert
De Avaritia, komplettes Partiturvorwort
Moritz Eggert: DE AVARITIA (szenische Version)


Prolog zu Orffs „Carmina Burana“
Unter Verwendung des ersten Gedichtes der Carmina Burana (ca. 1230)


Besetzung:

Sopran
Mezzosopran
Alt (auch männlicher Altus) („Fernensemble“)
Tenor 1 (Fernensemble )
Tenor 2 (Fernensemble)
Bariton (Fernensemble)
Bass (Fernensemble)

Kinderchor

Großer Chor

Schlagzeug 1: Tamburin (Fernensemble)
Schlagzeug 2: Toy Piano, Xylophon (Fernensemble)
Schlagzeug 3: Timpani (4: B, T, A, S)
Schlagzeug 4: Snare Drum, Triangel, Tam-Tam, Großes Becken
Schlagzeug 5: Tam-Tam, Röhrenglocken, Große Trommel, Hängebecken

(Anmerkung: Das Toy Piano sollte ca. 2 Oktaven haben – chromatisch – und sollte auch im Laufen einhändig gespielt werden können – die kurze zweihändige Passage sollte mit Zuhilfenahme eines Instrumentenständers gespielt werden)

Klavier 1
Klavier 2

Video/Ton-Liveübetragung
2 Statisten (Polizisten)



Dauer: szenische Version ca. 16 Minuten











Szenische Version:

Das Orchester ist unterteilt in zwei Gruppen: ein Fernensemble (A, T, T, B, Bass, Schlagzeug 1 und 2) und ein stationäres Ensemble (S, MS, Kinderchor, Großer Chor, Schlagzeug 3,4,5 und 2 Klaviere).
Das stationäre Ensemble im Saal (mit Publikum) wartet auf die Ankunft des Fernensembles.
Die gesamte Reise (samt Musik) des Fernensembles wird live per Video/Ton in den Saal übertragen, dies sollte auf künstlerisch interessante Weise geschehen.
Egal welches Transportmittel für das Fernensemble verwendet wird: die Reise sollte nicht länger als 10-12, Minuten dauern.

Phase 1 (Takt 1-53)
Das Fernensemble beginnt das Stück (Takt 1) an dem Ort, an dem es sein Transportmittel besteigt (im Falle der Uraufführung Helikopter, es könnten aber zum Beispiel auch Autos/Limousinen oder Schiffe/Boote sein). Mit Beginn der Musik besteigen sie gemeinsam das/die Transportmittel (falls in mehrere Gruppen aufgeteilt: 2 Schlagzeuger und 5 Sänger jeweils zusammen, dann sollte die Musik erst gemeinsam beendet werden, bevor man einsteigt).

Inszenierung: Alle Musiker des Fernensembles sind sehr schick, fast aufdringlich protzig gekleidet (Goldkettchen, Smoking, Sonnenbrillen, grelle Krawatten, Designerklamotten, etc.), wie Geschäftsleute, Adelige oder Neureiche.

Phase 2 (Takt 54-115)
Das stationäre Ensemble übernimmt das Tempo des Fernensembles, gleichzeitig werden Bilder von der Reise übertragen.
Die Wiederholungen „rip. ad libitum“ in der Partitur (Takt 57-59, Takt 60-67, NICHT Takt 68-75) können beliebig ausgedehnt werden, je nach Länge der Reise des Fernensembles.

Inszenierung: Das Fernensemble macht es sich in seinem Transportmittel dekadent gemütlich. Champagnerflaschen werden entkorkt, Kaviar geöffnet, teure Handys herumgezeigt (es wird auch wichtig telefoniert). Vielleicht sind auch schicke Hostessen im Transportmittel anwesend. Alles sollte sehr manieriert und eitel zugehen.







Phase 3 (Takt 116-160)
Das Fernensemble beginnt (auf verabredetes Signal – z.B. per Handy - oder nach Timer) erneut zu musizieren, diesmal sollten die Tempi bewusst nicht mit dem stationären Ensemble koordiniert sein.
WICHTIG: Auch wenn in der Partitur Takt 116-160 übereinander geschrieben ist, ist KEINE perfekte Koordination beabsichtigt. Das Fernensemble kann leicht „zu früh“ oder „zu spät“ beginnen, und entweder „zu früh“ oder „zu spät“ aufhören. Wichtig ist allein, dass die Generalpause in Takt 160 dazu verwendet wird, eventuell auf das Fernensemble zu warten.

Inszenierung: wie Phase 2

Phase 4 (Takt 161-240)
Längere Musik des stationären Ensembles, an deren Ende sollte sich die Ankunft des Fernensembles schon langsam ankündigen (z.B. Helikopter/Motorengeräusch, etc.). Wichtig: Takte 237-240 werden so oft wiederholt, bis das Ensemble tatsächlich im Saal angekommen ist und dort auch zu sehen ist. Eventuell können auch vorher noch zusätzliche Wiederholungen des musikalischen Materials nach Absprache eingebaut werden.

Inszenierung: wie Phase 2, am Ende der Reise steigen die Fernensemblemitglieder gemeinsam aus und gehen zügig zum Konzertsaal, dabei weiterhin auf dem Handy „telefonierend“ oder generell geschäftig tuend, d.h. in der Rolle bleibend.

Phase 5: (Takt 241-280)
Das Fernensemble geht spielend/singend (nach Signal durch Dirigenten) durch den Saal auf die Bühne zu, sie geben den Rhythmus vor, den dann der stationäre Dirigent musikalisch übernimmt. Die Video/Tonübertragung wird abgeschaltet.

Inszenierung: in der Rolle bleibend.

Phase 6: (Takt 281-302)
Das Fernensemble hat nun seine Position auf der Bühne eingenommen (diese sollten natürlich vorbereitet sein) und spielt/singt als Teil des Gesamtensembles bis zum Ende des Stückes.

Inszenierung: in der Rolle bleibend, auch als Teil des großen Orchesters.

Phase 7: (Takt 303-323)
Zwei als Polizisten verkleidete Statisten betreten den Saal.

Inszenierung: Die Verkleidung sollte möglichst realistisch wirken. Die beiden Polizisten erkennen einen der Sänger als „Gesuchten“ und gehen zügig auf die Bühne zu.

Phase 8: (Takt 324-235)
Die beiden Polizisten sind auf der Bühne angekommen und legen kurz vor dem Schlussakkord einem der männlichen Sänger Handschellen an.

FREEZE


(Anmerkung: falls sich eine Liveübertragung als zu aufwändig gestaltet, kann die „Reisemusik“ auch aus der Konserve kommen).













































Text zum Stück:

Carl Orff hat für seine berühmte „Carmina Burana“ nicht alle lateinischen Originaltexte vertont. Auf der Suche nach Material zu einem „Carmina Burana-Prolog“ blieb ich gleich am ersten Text dieser wunderbaren Textsammlung aus dem 13. Jahrhundert hängen: „De Avaritia“ beschreibt auf so anschauliche Weise die menschliche Gier nach Geld, dass es keineswegs altmodisch sondern hochaktuell klingt. Ohne eine einzige Zeile ändern zu müssen, spricht uns der Text direkt an - obwohl Jahrhunderte vergangen sind, hat sich nicht das Geringste geändert.
In meinem Prolog möchte ich diese Habsucht auch szenisch darstellen – ein Teil des Ensembles reist in einem Luxusbewegungsmittel zum Konzertsaal an, während die Reise live per Monitor in den Saal übertragen wird. Der Chor liest aus Börsenberichten und am Ende führt die Polizei einen Betrüger ab.
Durch die Verwendung von Helikoptern gibt es auch einen ironischen Bezug zu Stockhausens „Helikopterquartett“, dessen Uraufführung in Österreich bei einem hohlen und dekadenten Sponsorenevent quasi zur Nebensache bei Champagner und Häppchen wurde.



Moritz Eggert, 8.8.2010





















De Avaritia

1. Manus ferens munera
pium facit impium;
nummus iungit federa,
nummus dat consilium;
nummus lenit aspera,
nummus sedat prelium.
nummus in prelatis
est pro iure satis;
nummo locum datis
vos, qui iudicatis.

2.
Nummus ubi loquitur,
fit iuris confusio;
pauper retro pellitur,
quem defendit ratio,
sed dives attrahitur
pretiosus pretio.
hunc iudex adorat,
facit, quod implorat;
pro quo nummus orat,
explet, quod laborat.

3.
Nummus ubi predicat,
labitur iustitia,
et causam, que claudicat,
rectam facit curia,
pauperem diiudicat
veniens pecunia.
sic diiudicatur,
a quo nichil datur;
iure sic privatur,
si nil offeratur.

4.
Sunt potentum digiti
trahentes pecuniam;
tali preda prediti
non dant gratis gratiam,
sed licet illiciti
censum censent veniam.
clericis non morum
cura, sed nummorum,
quorum nescit chorum
chorus angelorum.

5.
«Date, vobis dabitur:
talis est auctoritas»
danti pie loquitur
impiorum pietas;
sed adverse premitur
pauperum adversitas.
quo vult, ducit frena,
cuius bursa plena;
sancta dat crumena,
sancta fit amena.

6.
Hec est causa curie,
quam daturus perficit;
defectu pecunie
causa Codri deficit.
tale fedus hodie
defedat et inficit
nostros ablativos,
qui absorbent vivos,
moti per dativos
movent genitivos.








Von der Habsucht
1. Die Hand, die Geschenke bringt,
macht den Erbarmungslosen gütig.
Geld schaftt Verbindungen,
Geld weiß Rat.
Geld macht Rauhes eben,
Geld legt Streitigkeiten bei,
geld ist bei den Prälaten
soviel wie Recht.
Dem Geld gebt ihr Gehör,
Ihr Richter

2.
Wo das Geld das Wort ergreift,
wird das Recht verdreht;
den Armen weist man ab,
für den gute Gründe sprechen;
um den Reichen aber müht man sich,
der hochgeschätzt ist, weil er zahlt.
Den betet an der Richter,
tut, was er begehrt.
Für wen das Geld plädiert,
der bringt zuwege, was er unternimmt.

3.
Wo das Geld das Wort führt,
kommt die Gerechtigkeit zu Fall,
Und die krumme Sache
macht der Gerichtshof gerade.
Dem Armen spricht sein Urteil
das Geld, das zum Termin erscheint.
So wird der abgeurteilt,
der nicht zu geben hat.
So wird er um sein Recht gebracht,
wenn nichts in Aussicht steht.

4.
Die Finger der Mächtigen
raffen unablässig Geld.
Geschwell von solcher Beute,
erteilen ihre Gunst sie nicht umsonst;
Aber Geld, das eingeht, sei's auch für Verbotenes,
entschuldigt, wie sie meinen, alles.
Den Klerikern ist nichts an guten Sitten,
sondern am Geld gelegen.
Ihre Schar ist nicht bekannt
bei der Schar der Engel.

5.
"Gebet, so wird euch gegeben";
so steht es geschrieben.
Gütig spricht zu dem, der gibt,
die Freundlichkeit des Bösen,
schlimm dagegen wird bedrängt
der Arme in der schlimmen Lage.
Die Zügel lenkt, wohin er will,
wer eine volle Börse hat.
Heilige Würden gibt der Beutel,
wird heilig selbst, der angenehme.

6.
Derjenige Sache macht sich das Gericht zu eigen,
die einer durchficht, der bezahlen will.
Da es am Geld fehlt, ist
des Codrus Sache aussichtslos.
Solches Paktieren heutzutage
besudelt und verseucht
unsere Ablative,
Die lebendig uns verschlingen.
Ermuntert durch Dative,
rühren sie die Genitive.


[Moritz Eggert, 8.8.2010]